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Nachhaltige Verpackung: Gibt es die schon?

Nachhaltige Verpackung: Gibt es die schon?

Warum es „die“ nachhaltige Verpackung (noch) gar nicht gibt, das böse Plastik mitunter eine bessere Ökobilanz hat als Glas, und Mehrweg auch im To-Go-Bereich Zukunft hat.

Kaufen Sie mehr Eis im Stanitzel! Die Verpackung ist da nämlich Teil des Produkts. Und das wiederum ist die einzig wirklich nachhaltige Verpackungsart, die es derzeit gibt. Das ist falsch, meinen Sie? Es gibt doch längst nachhaltige Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen, die Plastik und Co abgelöst haben. Aus Mais- oder Kartoffelstärke zum Beispiel. Stimmt, sagt Dagmar Gordon von Global 2000. Und fügt hinzu: „Nachwachsende Rohstoffe und Nachhaltigkeit sind allerdings zweierlei Paar Schuhe.“ Und das wiederum hat mit Ackerboden zu tun.

Zugegeben, das ist vermutlich nicht ihre erste Assoziation dazu. „Alles was wächst, braucht Boden“, erklärt Gordon. Der wird aber immer knapper und sollte in erster Linie dafür genutzt werden, hochwertige Lebensmittel für Menschen zu erzeugen und nicht nachwachsende Rohstoffe für Verpackungen.“ Die Fakten geben ihr Recht. Österreich ist mittlerweile Weltmeister in der Bodenversiegelung. Langsam geht dem Land der Äcker demnach wirklich der Boden aus. Ein gutes Argument also. Aber was ist die Alternative?

Back to Plastic?

„Das ist die falsche Frage“, sagt Andrea Lunzer, Inhaberin der gleichnamigen Maßgreißlerei, die Unternehmen in Verpackungsfragen berät und früher die Verpackungen von „Zurück zum Ursprung“ (Anm. der Hofer-Bio-Eigenmarke) managte. „Das Thema der nachhaltigen Verpackung beginnt nicht beim Material, sondern bei der Frage, wie lange etwas genutzt wird.“ Ein Beispiel hat sie auch. Das Flascherl Limonade. In wenigen Minuten ist die 350 ml-Einwegglasflasche ausgetrunken. Aus rein ökologischer Sicht wäre in dem Fall eine Einwegplastikflasche sinnvoller. Einweg-Glasflaschen sind die ökologischen Schlusslichter, wenn man die in Österreich typischen Transportdistanzen einbezieht. Trotz des hohen Recyclinganteils bei Glas ist der Energieaufwand bei der Produktion einer Flasche sehr hoch. Auch das Gewicht ist ein Thema.

Und es wird noch besser. Denn die eigentliche Nummer eins in Sachen Nachhaltigkeit ist der Mehrwegkunststoff: „Ein sehr schlaues Produkt“, so Lunzer, „In der Ökobilanz kommt kein anderes Material mit.“ Tatsächlich kann eine Glasflasche bis zu 50 Mal wieder befüllt werden. Eine PET-Mehrwegflasche zwar nur 25 Mal, aber dafür ist sie leichter beim Transport. Hochgerechnet etwa auf 1.000 Liter abgefülltes Wasser, verschlingt eine PET-Mehrwegflasche, bezüglich des fossilen Ressourcenverbrauchs, etwa 0,7 Kilogramm weniger Rohöl. Da gibt es allerdings ein klitzekleines Problem: Die Verpackungsindustrie orientiert sich nicht am tatsächlichen Impact, sondern am Konsumenten. Und der sagt nun mal: ,Plastik ist böse.´ Pet-Mehrweg gibt es am österreichischen Markt derzeit gar nicht.

Vom Plastiksackerl und Pfandflaschen

„Wie viele hundert Plastiksackerl kann man verwenden, bis man den Fußabdruck eines Baumwollsackerls erreicht hat?“ Haben Sie sich diese Frage schon mal gestellt? Dagmar Gordon stellt gern so unbequeme Fragen. „Selbst wenn Sie 50 davon im Kasten haben, und kein neues kaufen, ist für diese Stoffsackerl viel Wasser geflossen und Pestizide versprüht worden“, sagt sie und will damit verdeutlichen: „Die Verpackungsthematik ist kompliziert. Eine einfache Lösung für das Problem gibt es nicht.“

Nicht einmal das Thema Recycling ist simple. Dabei bräuchte man eigentlich nur über die Grenze nach Deutschland blicken. Dort gibt es ein funktionierendes System mit relativ hohem Pfand für Einweggetränkeverpackungen. Durch das Pfand werden nahezu alle Getränkeverpackungen sortenrein im Handel zurückgegeben, landen nicht in der Umwelt und werden recycelt. Auf der anderen Seite steht Österreich mit einer Sammelquote von im Moment gerade mal 70 Prozent und drei Handelsketten – Penny, Lidl und Hofer – die gar keine Pfandautomaten haben und sich schon in der Ladengestaltung dagegen sperren. Wobei auch der Rest keine Freude damit hat. „Der Lebensmittelhandel will keinen Millimeter von der Verkaufsfläche für die Manipulation mit Pfandflaschen abgeben, konstatiert Gordon. Doch da ist die EU-Richtlinie zu Single-Use-Plastic, die vorsieht, dass Getränkeflaschen aus Kunststoff, von denen in Österreich gegenwärtig 1,6 Milliarden jährlich in Verkehr gesetzt werden, bis zum Jahr 2025 zu zumindest 77 und bis zum Jahr 2029 zu zumindest 90 Prozent getrennt gesammelt und auch recycelt werden müssen. Am effizientesten schießen würde die Lücke, Sie ahnen es schon, ein Pfandsystem.

Edelstahl To Go und Abfall-Hirarchie

Auch eine Menge Verpackung braucht das Take-Away Geschäft und die Zustellgastronomie. Alleine in Wien fallen 1.700 Tonnen an. Oder in anderen Worten 35.000 Kubikmeter Abfall. Ändern will das Isabelle Weigand. Mit ihrem Unternehmen Skoonu bietet sie der Gastronomie Edelstahlgeschirr in vier Größen an. Dahinter stecken ein Mehrwegsystem und eine App. Die Rückgabe soll leicht fallen. „Wir arbeiten mit unterschiedlichen Gastronomen. Ich kann heute beim Chinesen bestellen, das Geschirr aber etwa morgen in der Pizzeria zurückzugeben.“ Wer darauf vergisst, dem werden nach 21 Tagen via vorher erteilten Sepa-Mandats fünf Euro pro Geschirr abgebucht. Der Pilot läuft. Die eierlegende Verpackungs-Wollmilchsau sichtet allerdings auch Weigand nicht.

Dafür ortet sie eine nicht enden wollende Komplexität, die sogar einfache Entscheidungen schwierig macht: „Ich etwa lehne in Plastik eingeschweißte Gurken ab, aber tatsächlich ist ihre Ökobilanz besser, sie halten so verpackt länger.“ Für Lunzer ist sogar Recycling hinterfragenswert: „An oberster Stelle der Abfallhierarchie steht Vermeidung“, sagt sie. Das gute Image von Recycling entspringe allem voran dem monetären Einsatz der heimischen ARA (Altstoff Recycling Austria). „Die ARA verdient mittels einer Abgabe an jeder Verpackung, die in den Verkehr gebracht wird und bewirbt das Recycling“. Das allerdings mache erst ab einer gewissen Distanz Sinn. „Ich werde natürlich kein Fritz Cola in der Mehrwegflasche aus Hamburg nach Wien und zurückkarren.“ Auch für Gordon ist die Reihenfolge klar: „Keine Verpackung, Mehrweg als zweitbeste Lösung, ein Pfandsystem für die sortenreine Sammlung.“

Die Zukunft wird allerdings hoffentlich auch noch den einen oder anderen hellen Kopf bringen, der sich vom eingangs erwähnten Stanitzel inspirieren lässt. Eine gibt es schon: Jonna Breitenhuber. Die hat mit der „Soapbottle“ eine nachhaltige Verpackung für flüssige Hygieneprodukte kreiert, die aus Seife hergestellt wird. Während der Inhalt aufgebraucht wird, löst sich die Seifenverpackung langsam von außen auf. Mit den Überresten wäscht man sich die Hände. Man könnte allerdings auch gleich auf Seife setzen.

Innovationen zur nachhaltigen Verpackung

Pilze
Das US-Unternehmen Ecovative stellt aus biologischen Abfällen und Pilzen nachhaltige Verpackungen in beliebigen Formen her, die Styropor ersetzen können. Styropor ist biologisch nicht abbaubar und für einen einzigen Würfel braucht es rd. 1,5 Liter Benzin. Wie geht´s? Zerkleinerte Bioabfälle werden mit Pilzkulturen vermischt. Das Ganze wächst einige Tage, dann wird der Mix wieder zerkleinert, in die entsprechende Form gebracht und wächst dort weitere fünf Tage hinein. Die kompakte Masse wird dann einem Hitzeschub ausgesetzt.

Zuckerrohr
Das Etiketten-Problem könnte eine Alternative aus biobasierter PE-Folie aus Zuckerrohr-Ethanol lösen, die Avery Dennison entwickelt hat. Die Folie unterscheidet sich physikalisch und mechanisch nicht von herkömmlichem Polyethylen aus Erdöl. Die Umstellungen im Verarbeitungsprozess sind daher minimal.

Milchproteine
Die US-Amerikanerin Peggy Tomasula hat eine nachhaltige Verpackungsfolie aus Milch kreiert, die essbar, biologisch abbaubar und sogar effektiver als eine Folie auf Ölbasis ist. Dahinter steckt das Milchprotein Casein, das ein Sauerstoffblocker ist und als solcher das Verderben von Lebensmittel verhindert. Weil die Folie essbar ist, könnte man eine darin verpackte Suppe samt Verpackung im Wasser auflösen und sogar Gewürze und Vitamine einarbeiten.

Algen
Das britische Star-Up Ohoo setzt auf Algen, genauer gesagt Seetang. Diese nachhaltige Verpackungsform ist biologische abbaubar, essbar und mit Herstellungskosten von einem Cent pro Stück billig. Die Idee basiert auf einem Prozess namens Spherifikation, durch den eine Art wasserdichte Haut um Flüssigkeit herum entsteht. Das Ziel ist es, flüssige Lebensmittel darin zu verkaufen und am Ende des Tages Milliarden Wasserflaschen zu ersetzen.

Foto/Video: Shutterstock.

Geschrieben von Alexandra Binder

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