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Kollektivismus vs. Individualismus

Gilt es eine Gesellschaft nach gemeinschaftlichen Zielen und Werten zu orientieren? Oder soll jeder Einzelne über weitgehende Freiheit verfügen, auch zulasten gesellschaftlicher Interessen?

Kollektivismus vs. Individualismus
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„Moderne Gesellschaften können nur bestehen, wenn ein gesundes Gleichgewicht zwischen Kollektivismus und Individualismus existiert.“

Soziologe Grigori Judin

Nein, es ging kein Aufschrei durch die Alpenrepublik, als der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in seiner Rede vor aller Welt, beim World Economic Forum Anfang 2020, zwischen den Zeilen einen entscheidenden Systemwandel andeutete. Vereinzelte, kurze Pressemeldungen ohne weitere Erläuterungen, ein paar Wortmeldungen von NGOs – das wars. Seit Anfang des Jahres gilt die Kurzsche Kriegserklärung an den Kollektivismus, der laut ihm nur eins gebracht hat: „…nämlich Leid, Hunger und unglaubliches Elend.“ Und die Ansage zeigt, dass die aktuelle Wendezeit neben vielerlei Umwälzungen auch eines bringt: eine Neuausrichtung des europäischen Wertesystems. Denn Kurz spricht „Kollektivismus“, lässt es wie „Kommunismus“ klingen, und wünscht sich aber wohl vielmehr damit „Neoliberalismus“ (siehe in Bezug auf Klima hier).

„Ich glaube wir müssen alle aufpassen, dass das Thema Klimaschutz nicht missbraucht wird, um für alte kollektivistische Ideen zu werben, die immer – egal wo auf der welt – gescheitert sind und die nur eins gebracht haben: nämlich Leid, Hunger und unglaubliches Elend.“

Bundeskanzler Sebastion Kurz beim World Economic Forum 2020
Die entscheidende Passage startet bei 2:30 min.
Übrigens: Ob Klimaschutz-Maßnahmen folgen bleibt abzuwarten. Bisher

Hinter Begriffen

Aber was steckt eigentlich hinter den Begriffen Kollektivismus und dem vermeintlichen Gegenpol Individualismus? Gemeint sind damit Wertesysteme, die einerseits dem Kollektiv – also der politische Gesellschaft, oder ganz kurz: uns allen – Priorität einräumt, oder eben dem Individuum und dessen Interessen in den Mittelpunkt stellt. Eines einmal zwischendurch festgestellt: Mit Kommunismus hat das wenig zu tun. Viel mehr ist gemeint: Wie definiert sich eine Gesellschaft?

Ganz wesentlich ist dabei: Auch wenn zumeist Kollektivismus und Individualismus fälschlich als Gegensätze verstanden werden, stellen sie eigentlich zwei unabhängige Dimensionen in Ko-Existenz dar. Auch wenn eine Gesellschaft das gemeinschaftliche Interesse im Fokus hat, impliziert dies nicht unbedingt eine Einschränkung der individuellen Freiheit. Aber: Kollektivismus und Individualismus können auch je nach Betrachtung, etwa auf wirtschaftlicher, politischer oder gesellschaftlicher Ebene, eine etwas andere Bedeutung haben.

Definitionen
Unter Kollektivismus wird ein System von Werten und Normen verstanden, in dem das Wohlergehen des Kollektivs die höchste Priorität einnimmt. Die Interessen des Individuums werden denen der im Kollektiv organisierten sozialen Gruppe untergeordnet.
Der Individualismus ist ein Gedanken- und Wertesystem, in dem das Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung steht.
Es ist zu beachten, dass Individualismus und Kollektivismus im Kulturvergleich keine Gegenpole einer einheitlichen Dimension sind, sondern zwei vollkommen unabhängige Dimensionen; tatsächlich korrelieren Individualismus und Kollektivismus im Kulturvergleich exakt Null.* Wie auch der Individualismus ist der Kollektivismus kein starres Konstrukt, d. h. nur weil in einer Gesellschaft überwiegend kollektivistische Werte vorliegen, bedeutet dies nicht, dass in ihr nicht auch individualistische Werte existieren.
Quellen: D. Oyserman, H.M. Coon, M. Kemmelmeier: Rethinking individualism and collectivism

Die politische Ebene

„Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus“, steht als Artikel 1 in der österreichischen Verfassung. Eine Wahl wird angesichts vieler unterschiedliche Meinungen geschlagen. Aufgabe demokratischer Systeme ist es daher, sich so zu organisieren, dass dabei die Einzelinteressen ausgeglichen werden und sich die Entscheidungen nach einem mutmaßlichen Gesamtwillen richten, so die vorherrschende Meinung.

Gesellschaftliche Interessen

Wie man Demokratie auch betrachtet, ihr Erfolg beruht besonders auf den Errungenschaften zugunsten des Kollektivs, der Gesamtbevölkerung. Errungenschaften, die eigentlich erst der Sozialismus ermöglichte: Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Solidarität, Sozialleistungen und viele andere. Kollektivistische Errungenschaften, die der gegenwärtige Wertewandel zum Individualismus bzw. Neoliberalismus ins Wanken bringt.

Vorbilder des Individualismus

Beispiel USA: Der amerikanische Traum ist seit jeher der des Individuums – und der individuellen Freiheit. Und er hat gezeigt, dass Gleichheit auch eine finanzielle Frage werden kann, die Versorgung von Kranken keine Selbstverständlichkeit ist, die Vorsorge im Alter nicht für alle gilt.

Russland ist wohl das beste Beispiel eines Wandels des Wertesystems und dessen Folgen – politisch wie gesellschaftlich betrachtet. „Russland ist eines der individualistischsten Länder überhaupt“, erklärt der Soziologe Grigori Judin. Obgleich mit sowietischen Menschen vor allem zwei Dinge assoziiert werden: der Kollektivismus und der Hass auf den Individualismus. Judin: „Wir haben eine gestutzte Version des liberal-demokratischen Systems importiert: einen Liberalismus ohne Demokratie. Das bringt uns in eine recht merkwürdige Situation. Denn sämtliche Studien zeigen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, weder über den sowjetischen noch den heutigen russischen Menschen so zu denken. Überhaupt ist die Gegenüberstellung von Individualismus und Kollektivismus aus Sicht der Sozialwissenschaften ein fragwürdiges Unterfangen: Ihre Gründerväter waren eher um eine Synthese bemüht.“

Ein Gleichgewicht

Aus soziologischer Sicht ginge es nicht um einen Gegensatz von Individualismus und Kollektivismus. Judin: „Moderne Gesellschaften können nur bestehen, wenn ein gesundes Gleichgewicht zwischen den beiden existiert. Unser Problem ist, dass in Russland ein aggressiver Individualismus vorherrscht, der von Angst genährt wird und deshalb in brutale Konkurrenz, totales gegenseitiges Misstrauen und Feindschaft umschlägt. […] Wenn du dich lächerlich machen willst, musst du nur das Wort „Gemeinwohl“ in den Mund nehmen.“

Doch das macht nicht alle glücklich, erklärt der Soziologe: „Wenn man sagt, dass es in Russland an kollektivem Leben mangelt, heißt das auch, dass das Bedürfnis danach immer da ist. Es gibt eine ganze Reihe von Anzeichen, dass die Menschen insgesamt nur schwer mit diesem Mangel umgehen können. […] Der Mensch ist so geschaffen, dass er kollektive Ziele braucht, eine Identität.“

Kollektive Geborgenheit

Es gibt aber auch andere Meinungen: Dass an einem Klima sozialer Kälte, Gleichgültigkeit und Egoismus der hemmungslose Individualismus, der Mangel an Zusammenhalt, das Ich anstelle des Wir Schuld haben sollen, verbucht der deutsche Philosoph Alexander Grau als Fehldiagnose. Deutschland versinke in kollektiver Bequemlichkeit: „Unsere Gesellschaft ist mitnichten individualistisch und besessen von Autonomie, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Tief verängstigt und überfordert durch die Konsequenzen einer autonomen, freiheitlichen Lebensführung, sehnt sich der moderne Mensch nach Sicherheit und Geborgenheit. Das beginnt schon auf der Ebene privater Lebensplanung. […] Individualistische Werte, ein postmoderner Lebensentwurf unabhängiger Individuen? Bestenfalls an der Oberfläche. […] Stattdessen regiert eine dauerpubertierende Sinnsuche, die mit Unabhängigkeit und Individualität rein gar nichts am Hut hat, sondern sich nach Bindung sehnt und kollektiver Geborgenheit.“

Grenzenlose Wirtschaftsfreiheit?

So viele Meinungen? Mitnichten. Wer heutzutage über Kollektivismus und Individualismus spricht, meint allzu oft eigentlich das brennende Thema Neoliberalismus bzw. Wirtschaftsliberalismus. Und auch wenn der Begriff als politisches Konzept oder Ideologie verstanden werden kann, ist vor allem eines gemeint: eine weitgehende Freiheit der Wirtschaft, losgelöst von allzu viel staatlicher Regulierung. Am Besten ohne Gewerkschaft und Sozialpartner. Also der Individualismus und die Freiheit des Kapitals. Die Liberalisierung läuft längst, Österreich etwa hat diesen Weg schon vor einigen Jahrzehnten unter dem Deckmantel Privatisierung eingeschlagen. Längst sind etwa auch Teile des Gesundheitswesen oder des Sozialwesens „privatisiert“, sprich an von Fördermitteln abhängigen „Vereine“ oder eigens gegründete Unternehmen „outgesouced“. Übrigens zumeist trotzdem unter politischer Leitung und Weisung.

Wem dient die Politik? Dem Volk?

Unfassbar? Wo die Einen sagen, der Staat erfülle seine grundlegendsten Aufgaben für die Gesellschaft (oder Volk) nicht mehr, meinen Andere, dass es diesen Auftrag nie gegeben hat und weiterhin nicht gibt. Einzig und alleine diene eine Regierung der Republik. Ein in der Verfassung verankertes Staatsziel „Wohlergehen für alle“ existiert nicht. (Hier übrigens zum Thema Staatsziele.) Der Eid des österreichischen Bundeskanzlers lautet: „Ich gelobe, dass ich die Verfassung und alle Gesetze der Republik getreulich beobachten und meine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen werde.“ Kein Wort davon, dass ein Kanzler für das Wohl aller da ist.

Kanzler Kurz macht aus seinen individualistischen Zielen auch keinen Hehl. Primär scheint ihm die Wirtschaft wichtig, was nach aktueller Gesetzgebung legitim ist: „Wir brauchen einen ambitionierten Umwelt- und Klimaschutz und gleichzeitig ein starkes wirtschaftliches Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg und ich bin total optimistisch dass uns das auch gelingen kann, wenn wir als europäische Union auf unsere Stärken setzen, nämlich auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere freie Gesellschaft und vor allem auch auf unsere freie und starke Wirtschaft in Europa.“

INFO: Wem dient die Politik?
Kollektivimus
Fest steht: Das „Wohl des Volkes“ ist keineswegs verfassungsrechtlich festgehalten. Einzig der Begriff „Republik“ soll das Gemeinwohl implizieren, ist auf den offiziellen Webseiten www.oesterreich.gv.at und www.parlament.gv.at zu lesen. Die Interpretation obliegt wohl der Regierung. „Für die Zeit seit dem 20. Jahrhundert stellten Wolfgang Mager oder auch Josef Isensee eine Sinnentleerung und inflationäre Verwendung des Wortes fest. Der Begriff Demokratie bestimmte und ersetzte den Begriff der Republik, wobei die Unterschiede der Bedeutungen, „vom Volk gewählte Regierung“ (Demokratie) und „dem Gemeinwohl dienende Politik“ (Republik), verwischt wurden, wie Hans Buchheim herausgearbeitet hat“, heißt es dazu auf Wikipedia.

Foto/Video: Shutterstock.

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Geschrieben von Helmut Melzer

Als langjähriger Journalist habe ich mir lange die Frage gestellt, was denn aus journalistischer Sicht tatsächlich Sinn machen würde. Meine Antwort darauf siehst Du hier: Option. Auf idealistische Weise Alternativen aufzeigen – für positive Entwicklungen unserer Gesellschaft.
www.option.news/ueber-option-faq/

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1 Kommentar

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  1. Ein tödlicher Virus geht um. Damit meine ich allerdings nicht den Corona-Virus. Vielmehr spreche ich vom neoliberalen Imperialismus als nächstes Level des Kapitalismus, der auch – so scheint es – bei unserem Bundeskanzler Gefallen gefunden hat. Tenor: Wirtschaftinteressen über die des Kollektivs. Europa abschotten gegen jede Menschlichkeit. Klimaschutz nur, wenn´s nichts kostet.

    Kollektivistische Ideen hätten nur eins gebracht haben, so Kurz beim World Economic Forum: „nämlich Leid, Hunger und unglaubliches Elend.“ „Lernen Sie Geschichte“ hätte darauf wohl Alt-Kanzler Bruno Kreisky geantwortet. Denn nicht kollektivistische Errungenschaften wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Arbeiterrechte, Kollektivverträge, Pensionen und mehr haben Leid verursacht, sondern die Ausbeutung von Planet und Mensch – seit Tausenden von Jahren – zugunsten des Reichtums einiger Weniger. Fremdschämen hat damit für mich eine neue Dimension erreicht.

    Mein Optimismus endet genau hier. Denn wenn eine Politik des Egoismus und der Raffgier Einkehr hält, sind die bisherigen kleinen globalen Fortschritte in Gefahr. Angesichts der drohenden Diktatur des Kapitals bedauere ich die verpassten Chancen einer Weiterentwicklung der Demokratie. Geben wir uns keiner Illusion hin: Unsere einzige Mitbestimmung ist das Recht eine Partei wählen zu dürfen. Selbst angesichts einer offensichtlichen Klimakrise und zwei verfassungsrechtlichen Staatszielen „umfassender Umweltschutz“ (1984) und „Nachhaltigkeit“ (2013) muss ein Volksbegehren stattfinden, das dann im Nationalrat „behandelt“ wird. Ist übrigens auch eine kollektivistische Idee, die Nachhaltigkeit.

    Ich reagiere wieder einmal völlig überzogen? Sagen Sie das den rund 20.000 seit 2014 ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer. Den Millionen Ausgebeuteten, deren Leid durch internationale Konzerne und westliche Geopolitik mitverursacht wird. Den politisch Unterdrückten, in deren Ländern wir so gerne billig kaufen.

    Das ist der Virus den ich meine!

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