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Tradition vs. Innovation: Konflikt bei Klima und Zukunft

Nirgends prallen Tradition und Innovation so sichtbar und lautstark aufeinander wie in der Politik. Doch ist dies ein neues Phänomen, und ist es auf die Politik beschränkt? Eine komplexe Antwort aus anthropologischer Sicht.

Konservativ vs. innovativ
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Was liegt dem ewigen Hin und Her zwischen diesen beiden Extremen zugrunde? Sollten wir uns für eines der beiden entscheiden oder liegt der erfolgversprechende Weg in der Mitte? Auf genetischer, kultureller, und technischer Ebene agieren Tradition und Innovation als Gegenspieler. Traditionalisten versuchen mit der wenig innovativen Strategie Risiken zu minimieren, indem sie die ausgetretenen Pfade derer beschreitet, die das zuvor bereits erfolgreich getan haben. Diese Strategie ist auch durchaus erfolgversprechend, solange die Bedingungen gleich bleiben. Eine veränderte Situation kann jedoch bisher probate Strategien völlig unbrauchbar machen.

Klimakrise erfordert Umdenken

Mit der Klimakrise steht die gesamte Menschheit vor einer Herausforderung, die nur mit neuen Lösungsansätzen gelöst, oder zumindest die schlimmsten Folgen verhindert werden. Wiewohl eine überwiegende Mehrheit der Menschen sich bereits seit längerem des Problems bewusst sind, sind kaum tiefgreifende und effektive Maßnahmen zur Bewältigung des Problems entwickelt und umgesetzt. Die Klimakrise erfordert ein tiefgreifendes Umdenken und ein Abwenden von Traditionen, die unsere Gesellschaft seit Traditionen prägen: Das Primat des Wachstums, Ausrichtung auf kurzfristige Gewinne, der Fokus auf materielle Werte. All dies sind schlechte Ratgeber, wenn wir die schlimmsten Konsequenzen der menschengemachten Klimaveränderung abwenden wollen.

Tradition vs. Innovation = Junge vs. Alte?

Dass der menschengemachte Klimawandel zu schwerwiegenden Konsequenzen für den ganzen Planeten führt, ist bereits lange bekannt. Doch erst seit kurzem scheint Bewegung in die Angelegenheit zu kommen. In manchen Ländern wird rigorose Klimapolitik eingeführt, aber auch in der Bevölkerung ist das Thema angekommen. Am bemerkenswertesten unter den aktuellen Entwicklungen ist sicher die Fridays for Future Bewegung, die eine Generation zu politischem Aktivismus auf die Straße bringt, der man das gar nicht zugetraut hatte. Junge Menschen machen das Klima zu ihrem Thema, nehmen die ältere Generation in ihre Pflicht, um den Planeten Erde nicht zugrunde zu richten. Das Momentum, das durch diese Bewegung entsteht, in effektive Maßnahmen zu verwandeln, die den Klimawandel nachhaltig einbremsen können, ist nun die große Herausforderung. Anders als Online-Aktivismus ist die Teilnahme an einer Aktion in sich selbst belohnend, und lässt das gute Gefühl entstehen, dass man etwas beigetragen hat. Hier ist nun große Vorsicht geboten, dass der Aktivismus nicht zum Selbstzweck verkommt, indem dieser das Gewissen beruhigt, und man sich in weiterer Folge trotzdem gut fühlt, wenn man für einen Wochenendausflug das Flugzeug besteigt, weil man war ja vorher noch schnell demonstrieren.

Eine Bewegung beginnt immer mit Informationsaktivismus, der zu einem Problembewusstsein führt. Ist einmal anerkannt, dass ein Problem existiert, dass es zu adressieren gilt, besteht der nächste Schritt darin, Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen, die dann in weiterer Folge möglichst von einer breiten Basis getragen umgesetzt werden. Wiewohl das Problembewusstsein zu existieren scheint, ist die Bereitschaft, Maßnahmen zu setzen auf allen Ebenen von der Politik bis zum Einzelnen eher zögerlich. Eine Reihe psychologischer Phänomene sind dafür verantwortlich, dass die Umsetzung von Maßnahmen mit Impact nicht vehementer erfolgt.

Single Action Bias

Der sogenannte “Single Action Bias” führt dazu, dass Menschen zwar das Bedürfnis haben, etwas zu unternehmen, dieses Bedürfnis aber schon durch eine Aktion befriedigt ist. Somit erkaufen wir uns ein gutes Gewissen durch eine Verhaltensänderung in einem Bereich, haben dadurch das Gefühl, etwas beigetragen zu haben und haben dadurch uns selbst gegenüber die Rechtfertigung erlangt, in anderen Belangen weiter das klimaschädliche Verhalten beizubehalten.
Die einzelnen Lösungsansätze, die Entscheidungsträger vorschlagen, können für sich gesehen keine Trendumkehr der Klimaentwicklung bewirken. Vielmehr erfordert die Situation eine umfassende Strategie, die viele Maßnahmen miteinander kombiniert. Die Komplexität der Aufgabe bringt eine weitere Umsetzungsbarriere mit sich: Weil einfache Lösungen hier nicht greifen, ist unsere Kognition schnell überfordert, was zu Entscheidungsunfähigkeit und daraus resultierender Inaktivität führt.

Hase Politik

Für die Politik ist eine rigorose Abwendung von dem verschwenderischen und verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen des Planeten ein kurzfristig risikobehaftetes Manöver: Die unmittelbaren Kosten und der erforderliche Verzicht auf Gewinne und individuellen Komfort könnten die Zustimmung zu einer derart ausgerichteten Politik gefährden. Was über einen Umweg einer kurzfristigen Beeinträchtigung eine langfristige Verbesserung verspricht, mag zwar vernünftigerweise die klügere Wahl sein, doch tendiert unser Bauchgefühl eher dazu, die unmittelbaren Profite mehr zu schätzen als zu erwartende Gewinne in der Zukunft.

Deshalb wird es nicht genügen, sich rein auf emotionale Mechanismen zu verlassen, um eine nachhaltig wirksame Veränderung hervorzurufen. Die Emotionen können aktuell dazu dienen, Menschen aufzurütteln und so aus der Inaktivität zu holen. Durch umfassende Information muss dann das Thema auf eine rationale Ebene geholt werden, damit die Bereitschaft der Menschen etwas beizutragen nicht in kosmetischen Maßnahmen verpufft.

Beispiel Biologie – ein Wechselspiel

Die Biologie ist geprägt von einer Mischung von Alt und Neu. Durch die Vererbung wird Bewährtes an die nächste Generation weitergegeben, und je mehr sich etwas bewährt hat, desto häufiger wird sich die entsprechende Information in der nachfolgenden Generation wiederfinden, weil es sich positiv auf die Fortpflanzung ausgewirkt hat. Jedoch haben wir es hier mit keiner identischen Weitergabe der Information zu tun: In allen Lebewesen steht die Tradierung genetischer Information unterschiedlichen Quellen der Variation gegenüber: Zum einen kommt es zu Abschreibfehlern, also das, was wir als Mutationen kennen. Diese können positive oder negative Folgen haben oder sich gar nicht auf den Organismus auswirken. Weiters kann bereits vorhandene Information aktiviert und deaktiviert werden – eigenetische Regulationsmechanismen verändern also die genetische Information eigentlich nicht, können jedoch durchaus zu Veränderungen im Organismus führen. Es handelt sich hierbei also nicht um echte Innovation.

Die dritte Quelle von genetischen Erfindungen liegt im Austausch genetischer Information im Rahmen der Fortpflanzung, also der Sexualität. Hier wird streng genommen auch nicht wirklich etwas Neues erfunden, aber durch die Kombination unterschiedlicher Informationen der Eltern entsteht eine innovative Zusammenstellung, die somit wiederum tradierte Muster verändert.
Interessanterweise gibt es Lebewesen, die sich sowohl sexuell als auch asexuell fortpflanzen können. Bereits Darwin’s Zeitgenossin Antoinette Brown-Blackwell erkannte darin eine Antwort auf die Herausforderung der Umwelt: Sexualität kommt nur dann ins Spiel, wenn die Umweltbedingungen stark veränderlich sind, und somit Innovation besonders gefragt ist. In dieser Hinsicht hat sie sehr viel besser als Darwin verstanden, wie das Zusammenspiel von Tradition und Innovation in der Biologie funktioniert. Darwin’s Evolutionstheorie ist die eines Traditionalisten. In seinem theoretischen Zugang findet Innovation keinen rechten Platz. Deshalb wusste er auch mit Sexualität nicht wirklich etwas anzufangen – lief doch die Abweichung von einem bewährten Modell seiner Grundannahme der Anpassung entgegen.

Einfache Lösungen sind keine

In vielen Kreisen werden die Rückkehr zur Atomenergie und Geoengineering als Lösungen für die Klimakrise angesehen. Diese Ausrichtung ist eine, die einer traditionalistischen Denkstruktur entspringen, und die verspricht, dass wie das Problem der Wissenschaft und der Technik überlassen können. Die Popularität dieser technologischen Bestrebungen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen ist darauf zurückzuführen, dass Verhaltensänderungen im Sinne der Nachhaltigkeit unbequem sind. Verzicht widerspricht dem Wachstumsgedanken und wird nicht als Wert verstanden.

Tatsächlich ist aber Geoengineering vergleichbar damit, wie man mit Epinephrin eine akute allergische Reaktion bekämpft. Die eigentliche Ursache bleibt unberührt, und wird deshalb auch nur im tatsächlichen Akutfall eingesetzt. Solch massive Eingriffe haben in der Regel auch komplexe und weitreichende Auswirkungen, die uns im Fall von Geoengineering unbekannt sind.

Der Planet Erde ist ein komplexes System geprägt von vielen Wechselwirkungen, die teils noch unbekannt sind, und die sich teils aufgrund ihrer Komplexität nicht verlässlich vorhersagen lassen. Jeder Eingriff in solch ein komplexes dynamisches System kann zu unvorhergesehen Folgen führen. So mögen Maßnahmen des Geoengineerings lokal zu einer Verbesserung der Situation führen, global gesehen aber das Herannahen des Desasters noch beschleunigen.

Foto/Video: Shutterstock.

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Geschrieben von Elisabeth Oberzaucher

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