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TCM: Alternative ohne Kasse

Traditionelle Chinesische Medizin sieht den Menschen als ganzheitliche Einheit aus Körper, Geist und Seele. Ihre Methoden werden auch bei uns zunehmend angewendet.

TCM

„In der TCM geht es immer darum, die Ursache für eine Krankheit zu entdecken und zu behandeln. In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird im Gegensatz zur Schulmedizin nicht „repariert“ – vielmehr werden Selbstheilungskräfte gestärkt und aktiviert.“

In einer ruhigen Ecke des Stuwerviertels in der Wiener Leopoldstadt betreibt Dr. Claudia Radbauer ihre Praxis. „Leben in Balance. Gesundheit erhalten, ganzheitlich heilen.“ lautet das Motto der Allgemeinmedizinerin und Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). „Die meisten Patienten kommen wegen der chinesischen Medizin zu mir“, sagt Radbauer. „Viele bringen jedoch ihre schulmedizinischen Befunde mit.“ Denn die westliche Medizin hat ihre Grenzen, wie die Ärztin im Laufe des Gesprächs erläutern wird.

Wo TCM hilft

Eine TCM-Behandlung beginnt mit einem Erstgespräch, um eine Diagnose zu erstellen. „Dazu wird die Zunge angeschaut und der Puls getastet.“ Besonders wichtig ist das bei wiederkehrenden Krankheitsbildern wie etwa Kopfschmerzen. „Bei chronischen, lange anhaltenden Kopfschmerzen empfehle ich eine schulmedizinische Abklärung“, erklärt Radbauer. „Eine neurologische Kontrolle oder eine Untersuchung der Halswirbelsäule können Klarheit schaffen.“ Da hinter Kopfschmerzen oder Migräne oft starke Verspannungen stehen, kann hier die Tuina-Massage verbunden mit Akupunktur gute Ergebnisse bringen; bei hormonell bedingten Kopfschmerzen helfen auch Kräuter und Akupunktur. „Da ich auch ausgebildete Ernährungsmedizinerin bin, kommen viele Patienten mit Verdauungsbeschwerden zu mir“, ergänzt Radbauer. „Vor allem bei der Diagnose Reizdarm kann schulmedizinisch oft nicht mehr geholfen werden.“ Hier ist die 5-Elemente-Ernährung geeignet, ebenso wie die Einnahme von chinesischen Kräutern. Akupunktur, eine der am häufigsten angewendeten Methoden der chinesischen Medizin, kann etwa bei Schlafstörungen, aber auch bei Schmerzen im Bewegungsapparat helfen.

Die Moxa-Therapie (siehe Kasten) wirkt laut Radbauer besonders bei Schmerzen im unteren Rücken gut. Bei Patienten, die unter Stress und einem drohenden Burn-Out leiden, arbeitet Radbauer, die auch eine Coaching-Ausbildung hat, mit einer Psychotherapeutin zusammen. „Es ist uns schon bei einigen Patienten gelungen, ein Burn-Out abzuwenden.“ In der TCM ginge es jedenfalls immer darum, „die Ursache für eine Krankheit zu entdecken und zu behandeln.“

Komplementäre Methoden

Der Ursprungsgedanke der chinesischen Medizin ist die Gesundheitserhaltung oder Vorsorge. „Darin sehe ich auch meine Hauptaufgabe“, erklärt Radbauer, die TCM gerne mit schulmedizinischen Methoden verbindet. Eine Kombination aus der westlichen Ernährungsmedizin und der 5 Elemente-Ernährung sei optimal. „Ich hatte schon den Fall, dass Patienten krank geworden sind, weil sie einen Eiweißmangel hatten.“ Um ihr Wissen weiterzugeben, bietet die Ernährungsmedizinerin Kochveranstaltungen an.

Auch auf anderen Gebieten betrachtet Radbauer die TCM als komplementäre Behandlungsmethode: „Gerade im intensivmedizinischen und chirurgischen Bereich hat die Schulmedizin große Fortschritte gemacht und kann hier viel bewirken. Es gibt auch Krankheiten, die schulmedizinisch besser behandelt werden können als mit TCM, wie etwa Morbus Crohn (chronische Darmentzündung, Anm.).“ Bei vielen Hautkrankheiten dagegen gäbe es in der TCM Alternativen zum oft verschriebenen Cortison, etwa bei Herpes. Selbst in China werden westliche und heimische Behandlungsmethoden kombiniert, wie Radbauer selbst erlebte. „Es gibt schulmedizinische Kliniken und Zentren der chinesischen Medizin. Viele TCM-Ärzte arbeiten vormittags in den TCM-Kliniken und gehen am Nachmittag in ein schulmedizinisches Krankenhaus, um dort ihre Kenntnisse einzubringen.“ Schlaganfall-Patienten etwa könne man zusätzlich zu westlichen Methoden mit Kräutern und Akupunktur behandeln – mit guten Ergebnissen.

TCM – Die Anerkennung wächst

Radbauer ist der Meinung, dass die chinesische Medizin zunehmend auch in schulmedizinischen Kreisen anerkannt werde. „Viele Medizinstudenten machen heute zusätzlich eine komplementärmedizinische Ausbildung und viele westlich ausgebildete Mediziner setzen sich auch mit TCM auseinander.“ Radbauer führt die wachsende Anerkennung auch auf vermehrte Medienberichte über diese Form der Medizin zurück. Immer wieder bekommt die Ärztin Patienten – etwa mit Hautkrankheiten oder urologischen Erkrankungen – von Schulmedizinern geschickt, die mit ihrem Latein am Ende sind. Immer öfters auch von Ambulanzen. Die Medizinerin plädiert für einen ausgewogenen Lebensstil und ist überzeugt davon, dass die richtige Ernährung für die Erhaltung der Gesundheit ausschlaggebend ist. „Dazu kommen regelmäßige Bewegung, Ausgleich zum Arbeitsalltag und ein gutes Zeitmanagement“, so die Medizinerin. „Gerade in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit sollten wir mehr auf unsere Gesundheit achten.“


TCM VS. Schulmedizin
Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine ganzheitliche Medizin, die sich in den letzten tausend Jahren aus Beobachtung und Erfahrung heraus entwickelt hat. Sie betrachtet den Menschen als eine Einheit aus Körper und Geist, die mit der Umwelt interagiert und von ihr beeinflusst wird. Krankmachende Ursachen sind hier keine Viren und Bakterien, sondern Kälte, Wind oder Feuchtigkeit. Es gibt Parallelen zu Ayuerveda oder der Medizin von Hildegard von Bingen.
Bei der westlichen Schulmedizin wird die menschliche Struktur aufgespalten, die Organe stehen im Vordergrund. Die TCM dagegen konzentriert sich auf die Funktionen des menschlichen Körpers: Bei Schlafstörungen etwa ist das Herz zuständig für das Einschlafen, die Leber für das Durchschlafen.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird im Gegensatz zur Schulmedizin nicht „repariert“ – vielmehr werden Selbstheilungskräfte gestärkt und aktiviert. Die Philosophie der TCM lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Ein Mensch ist gesund, wenn er in Harmonie mit sich und der ihn umgebenden Natur lebt.“
Demzufolge ist Krankheit nichts anderes als eine Disharmonie, ein körperlich-seelisches Ungleichgewicht. Die TCM ist darauf gerichtet, das Gleichgewicht im Menschen sowie zwischen dem Menschen und der Natur wiederherzustellen. Die Chinesische Medizin behandelt also den kranken Menschen, während die Schulmedizin die Krankheit behandelt.

TCM-Grundlagen
Es gibt fünf Säulen der Behandlung: Akupunktur, Behandlung mit Kräutern, 5 Elemente-Ernährung, Tuina-Massage, Qi-Gong und Tai-Qi. Weitere Behandlungsmethoden sind die Moxa-Therapie und das Schröpfen (z.B. bei Infekten oder Verspannungen).
Die den fünf Elementen zugeordneten Symptome und (Krankheits-)Zeichen signalisieren dem TCM-Arzt, welcher der fünf Funktionskreise gestört ist und wo die Ursachen dafür liegen können.
Wasser: Winter, Niere, schwarz, Angst, salzig, Kälte
Feuer: Sommer, Herz, rot, Freude, bitter, Hitze
Holz: Frühling, Leber, grün, Zorn, sauer, Wind
Metall: Herbst, Lunge, weiß, Traurigkeit, Trockenheit
Erde: Spätsommer (oder die Mitte der Jahreszeiten), Milz, gelb, Grübeln, Feuchtigkeit
Das Grundprinzip der TCM ist das Yin und Yang: das Yin steht für Blut und Säfte im Körper, das Yang für die Energie, eine ausgewogene Balance ist wichtig.
Das Qi fließt durch die Meridiane, die Energie-Leitbahnen, Schmerzen bedeuten Qi-Stagnation. Die Emotionen spielen eine große Rolle und werden den einzelnen Elementen zugeordnet, vergleichbar mit Psychosomatik in der westlichen Medizin.
In Europa wird bei Störungen und Schmerzen des Bewegungsapparates oft die Akupunktur herangezogen, die Krankenkassen übernehmen die Kosten teilweise oder sogar vollständig. Voraussetzung ist jedoch, dass die Behandlung bei einem Arzt erfolgt, der ein Akupunktur-Diplom der Österreichischen Ärztekammer besitzt.

Foto/Video: Shutterstock.

Geschrieben von Susanne Wolf

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