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Der Jedermann will wohl nicht lernen

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Der Körper stramm, die Haarpracht glänzend, so stand er vor des Spiegels Gesicht. Er betracht‘, was er dort sah, es gefiel ihm ganz und gar. Das Lächeln breit, die Arm‘ geöffnet weit, so stand er da, morgens, bevor er zog vondann‘. Doch diesen Tages wars geschehen, er hatte eine Seel gesehen. Ein Mensch so rein und gut, das Haupt nicht bedeckt mit seinem Hut. Das Kopfbedeck, schwer wie Blei, war gefüllt mit Angst, Gier und Ruhm, ein fortwährender innerer Schrei.

Die Seel‘ hingegen war frohen Schrittes vor sich hin gegangen, wohl ohne um ihr Leben zu bangen, denn sie grüßte die Leut‘ hier und da mit breitem Lächeln, immer wahr. Sie ward wohl fröhlich heut und hier, denn sie kannte keinen Passagier und dennoch sprach sie freundlich an, Frau, Kind und auch Mann. Er war verblüfft und musste hin, zu dieser Gestalt wohl nicht ganz bei Sinn‘.

„Guten Tag, mein Herr, wie steht’s um Sie? Der Göttergattin fehlt’s an Energie? Weh mir, das ist jammerschad‘, ich hoff ich seh sie in ein paar Tag, auf ein wenig Geschwätz und Tee, damit’s ihr alsbald auch wieder besser geh‘.“

„Wie kannst du nur so sprechen, junge Frau? Bist doch nicht älter als die meine Seel‘. Was ist nur los, so sprich mit mir, wie ich’s dir auch befehl!“

Die Seel aber ging bloß weiter, unbekümmert, ja fast heiter. Da wurd er boshaft, gar schon wütend, wie konnt sie nur hinfort jetzt gehen? Er erwart‘ von ihr, dass sie blieb stehen! Sah man ihm heute denn nicht an, was er war für ein wichtiger Mann? Das Auto, mit dem er fuhr, war nagelneu und teuer wohl, doch auch das machte seine Geldbörse nicht hohl. Geld in Unmengen fand er vor und obendrein, wenn er lauschte mit einem Ohr, auch die Stimmen seiner Fans. Denn er war es, der jetzt regierte, sein Geschäft, das Internet und ganze Bezirke.

Er hatte alles aufgekauft, war Millionär und treu seiner Frau, zumindest der, die es diese Woche war, denn die Frauen kamen in der Schar. Und jede Woche nahm er eine, die dann in seiner Gunst nur stand und mit ihm Hand in Hand sein Hab und Gut bestaunen durfte. Doch nach einer Woche war’s genug, dieselbe Frau er nicht zweimal ertrug. Nun verstand er also nicht, weshalb nicht stehen blieb die Seel‘, hatte er sich doch platziert, mit Schokoseite wohl voran inmitten all dieses Herumgetümmels. Wohl recht freundlich ward er auch gewesen, soweit es dies zuließ sein verkommen‘ Wesen.

Das hatte wohl der Ruhm gemacht, ihm schier unendlich Leer‘ gebracht und sein letztes bisschen Ehr‘ genommen. Doch was ihm blieb, das war sein Stolz. ER war nicht wie ein jeder Mann. NEIN, er war Jedermann. Der einzig‘ Mann auf dieser Welt, dem es gebührte, so zu sein, wie er es war.

Der Tod fand lustig all dies Spiel, gab es denn von dieser Sorte viel‘? „Jedermann“, so dachte er, „welch herkömmlicher Name wohl. Es gibt ihn hier, es gibt in dort. Egal wo ich bin, jeden Tag einer mit diesem Gesinn‘“. Die gütigen und guten Menschen, wie er heute einen holte, waren wohl schon etwas selten. „Schade“, dachte er, „es muss wohl eine neue Ordnung gelten“. Die Seel‘ von heute traf einen Jedermann, das sah man ihrem Wesen an. Obgleich dies Wesen doch sehr stark und nicht viel übrig hatte für sein‘ Frag’. Ein Jedermann ließ Leblosigkeit da, wo man einst noch Farbe sah. Der Jedermann will wohl nicht lernen! Welch ein‘ Schand‘ für diese Hülle. Wie oft muss ich es ihnen noch erklären? Doch der Jedermann will wohl nicht lernen!

Denn vergessen hat‘ er ganz und gar, was um ihn herum geschehen war. Blind vor Ruhm und Glanz und Ehr, sah schon lange gar nicht mehr, was denn sein Herz begehr‘. Das Geld zu zählen, mit Fans zu prahlen, in seines Besitzes Glanz zu strahlen, das nun war sein Leben also – immerfort gemessen in Zahlen. Doch dem Tod war all dies einerlei. Er nahm, was er fand, ob alt oder jung, reich oder arm. Wenn des einen Zeit war abgelaufen, so half ihm auch kein Flehen, denn ein jeder musste eines Tages gehen. Ob heute oder morgen war dabei nicht von Wichtigkeit. Wichtig war bloß die Richtigkeit. Ob er auch mit sich nahm den Rechten und ihn bracht‘ zur letzten Stätt.

Jedermann, so wie er war, scherte sich nicht, ob jemals etwas nach ihm war. Seine Gedanken kreisten um Geld und Macht und Reichtum, selten nur um sein Tun. Er heuchelte und spielte vor, hatte fest verschlossen seines Herzens Tor. Scheinbar wards dem Tod kein leichtes Spiel, denn zu bieten hatte Jedermann sehr viel. Als es kam zum letzten Tag, bot er dem Tod sehr vieles an. Die Wägen, das Haus, ja sogar all seinen Ruhm war er bereit zu geben, nur um noch ein Weilchen länger zu leben. Doch der Tod blieb unberührt und nahm ihn mit zu sich nach Haus.

Vom Jedermann da blieb nicht viel. Ein paar Knochen, vergraben in Erde, wenige Tränen und viel Erbe. Doch dies Erbe war recht nutzlos, hatte er doch nicht vorgesorgt. Die Familie war ihm längst ferngeblieben und selbst als sein Körper in der Erde liegend vor sich hin verweste, war sie nicht gekommen. Man könnte meinen, der Jedermann, der hat es geschafft. Teure Wägen, viele Frauen, Luxus, den man sich nicht ausdenken könnte im Traum. Doch zum Ende hingedacht, da war die Geschichte doch sehr anders.

Denn der Jedermann war schlussendlich doch wie ein jeder Mann. Zwar nicht groß menschlich, doch sterblich und zum Sterben geboren. Was also zählte, war nicht, was er besaß, denn Geld und Ruhm hatte er in hohem Maß. Doch all das, was wirklich zählte, bekam er nicht, für all sein Geld. Und so starb der Jedermann, unglücklich und reich, bloß nicht wie ein jeder Mann.

-Julia Gaiswinkler

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Geschrieben von Julia Gaiswinkler

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