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Das System am Wendepunkt

Die Anzeichen verdichten sich, dass das westliche Gesellschafts- und Wirtschafts-System ausgedient hat. Doch wohin geht die Reise unseres Systems? Vier Szenarien von führenden Denkern unserer Zeit.

„Speziell nach 1989 hat sich eine extrem einfältige, ökonomisch geprägte Vorstellung des Menschen etabliert, derzufolge wir allein unserem wirtschaftlichen Eigeninteresse folgen und dadurch einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten.“
Schriftsteller Pankaj Mishra

Während das westliche Demokratiemodell vor einiger Zeit noch als unantastbarer Sieger der Geschichte galt, hat dieses Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell heute deutlich an Attraktivität verloren.
Angesichts seines derzeitigen Zustandes ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Zeichnen sich die westlichen Demokratien heute durch eine davon galoppierende soziale Ungleichheit, eine nahezu feudalistische Macht- und Medienkonzentration, ein fragiles Finanzsystem, eine private und öffentliche Schuldenkrise und ein erodiertes Vertrauen in die politischen Eliten aus. Nicht zuletzt schweben über ihnen auch noch die Damoklesschwerter des Klimawandels, der Überalterung und bevorstehender Migrationsströme. Rechtspopulistischen und autoritären Gespenstern bieten sie damit eine einmalige Gelegenheit um die verlorenen Seelen mit dem Versprechen, ihnen ein Stück Identität und Würde zurückzugeben, wieder einzusammeln.

Die Tatsachen, dass in den letzten Dekaden weltweit Armut und Kriege zurückgingen, alle europäischen Diktaturen abgeschafft wurden und noch nie so viele Menschen Zugang zu Bildung, Medizin, Altersversorgung, Sicherheit, Rechtssystem und Wahlrecht hatten, spielt in der öffentlichen Wahrnehmung erstaunlicherweise kaum keine Rolle.

Gesellschaftsformen

Unter den Begriffen Gesellschaftsformation, Gesellschaftsform oder Gesellschaftssystem versteht man in der Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaft die historisch bedingte Struktur und soziale Organisationsform von Gesellschaften. Der vor allem von Karl Marx geprägte Begriff der Gesellschaftsformation umfasst dabei die Gesamtheit aller sozialen Verhältnisse, die eine bestimmte Gesellschaftsform von einer anderen Gesellschaftsform unterscheiden. Beispiele für Gesellschaftsformationen sind die antike Sklavenhaltergesellschaft, die mittelalterlich-feudale Gesellschaft, der moderne Kapitalismus, der Faschismus oder der Kommunismus.
Nach Marx ist jede historische Gesellschaftsform von Klassenkämpfen geprägt.

Der Wendepunkt

Seltene Einigkeit herrscht unter Philosophen, Politologen und Ökonomen darüber, dass unser heutiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem an einem Wendepunkt angekommen und sich drastisch verändern wird. Die Frage steht im Raum, wann und in welcher Form dieser Wandel kommen wird – und vor allem wohin er uns wandeln wird. In eine bessere Zukunft? Eine Schlechtere? Für wen? Stehen wir unmittelbar vor einer Revolution? Einem grundlegenden, radikalen Wandel mit offenem und mitunter schmerzhaftem Verlauf und Ausgang? Oder wird die Politik letztendlich doch an einigen Schrauben drehen und damit die Rahmenbedingungen für eine gerechtere, lebenswertere und menschlichere Gesellschaft schaffen? Wird es mit einigen Steuern, einem Grundeinkommen, einem Mehrheitswahlrecht und einem Mehr an Direkter Demokratie getan sein?

Desintegration und Chaos

Der bulgarische Politologe und Politikberater Ivan Krastev stellt sich auf Desintegration und Chaos ein. Er sieht im Falle einer weiterreichenden Desintegration der EU auch den Zusammenbruch einiger liberaler Demokratien und wahrscheinlich auch Nationalstaaten kommen und vergleicht dabei das Jahr 2017 mit dem Revolutionsjahr 1917, als das russische Zarenreich, das Habsburgerreich und das Osmanische Reich zu zerfallen begann.

Symbiose Natur – Gesellschaft

Der Leiter des Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit (IGN), Ingolfur Blühdorn, ortet wiederum ein klares Scheitern unseres derzeitigen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems und sieht die Zeit für radikale Konzepte gekommen. Er verweist dabei auf einschlägige wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem bevorstehenden Untergang des Kapitalismus (Streeck, Mason), der Abkehr von der fossilen, wachstums- und konsumgetriebenen Ökonomie (Prinzen, Muraca), hin zu dezentralisierten, bedürfnisorientierten und ressourceneffizienten lokalen Wirtschaftskreisläufen (Petschow) oder gar einer völlig neuen Symbiose zwischen Natur und Gesellschaft (Crutzen und Schwägerl, Arias, Maldonado). Für Professor Blühdorn „sind die sozio-kulturellen Bedingungen für einen radikalen Wandel, der über Kapitalismus, Wachstum und Konsumkultur hinaus geht, günstiger als je zuvor“.

Der große Crash

Für den Ethnologen und Mitbegründer der Occupy-Wall-Street-Bewegung, David Graeber, Professor an der London School of Economics and Political Sciences, stellt sich nicht so sehr die Frage ob unser heutiges polit-ökonomisches System zusammenbrechen wird, sondern eher wann dies geschehen wird. Er sieht eine Reihe dramatischer Ereignisse auf uns zukommen, die jedoch nicht unbedingt gewaltsam verlaufen müssen. Auf die Frage, welche Rolle die Occupy Bewegung dabei spielen soll, wenn unser derzeitiges System implodieren wird, antwortet er: „Nun, wir möchten diejenigen sein, die mit einem Plan für den Wiederaufbau aufwarten“.

Tomáš Sedlácek lässt zwar keinen Zweifel daran, dass das heutige System nicht mehr funktioniert, auf Dauer unhaltbar und quasi tot ist, doch ist er der Meinung dass es sich auch ohne Explosion reformieren lässt.

Die Wiedergeburt des Menschlichen

Der Ökonom und mehrfach ausgezeichnete Buchautor Tomáš Sedlácek warnt vor einem radikalen Crash und dem daraus resultierenden Chaos, denn „wenn es danach jemand beeinflussen kann, wird es jemand sein der Macht besitzt […] und keine Intellektuellen oder irgendwelche anderen Leute“. Er lässt zwar keinen Zweifel daran, dass das heutige System nicht mehr funktioniert, auf Dauer unhaltbar und quasi tot ist, doch ist er der Meinung dass es sich auch ohne Explosion reformieren lässt. Eine Schlüsselaufgabe dabei sieht der Reformkapitalist darin den bestehenden Institutionen „eine Seele zu geben“ und wieder Raum für die irrationellen Seiten des Menschen zu schaffen. Sedlácek sieht „Gewissermaßen eine Wiedergeburt des Menschlichen“ auf uns zukommen. „Wir haben da etwas abgespalten, die Wirtschaft aus dem Zusammenhang gerissen, was sehr töricht war, wie wir jetzt viel zu spät erkennen“, so der Ökonom.

Auch aus orientalischer Sicht ist das gesellschaftlich etablierte Bild vom rationalen, auf Gewinn orientierten Menschen ursächlich an unserer Misere beteiligt. So haben wir aus Sicht des indischen Essayisten und Schriftstellers Pankaj Mishra deshalb Probleme, die gegenwärtigen Krisen zu verstehen, weil wir zu stark der Vorstellung vom Menschen als rational handelndem Wesen anhängen. „Speziell nach 1989 hat sich eine extrem einfältige, ökonomisch geprägte Vorstellung des Menschen etabliert, derzufolge wir allein unserem wirtschaftlichen Eigeninteresse folgen und dadurch einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten“, so Mishra. Dass dieses Bild dem Menschsein nicht gerecht wird und seine widersprüchlichen, irrationalen Bedürfnisse und Motivationen einfach ausblendet, ist für die westliche Gesellschaftsordnung aus seiner Sicht fatal. Ihmzufolge müssen wir die Geschichte auch „aus der Sicht der Verlierer betrachten, um sie zu verstehen“.

Zukunft Demokratie

Das österreichische Public Affairs Beratungsunternehmen Kovar & Partners befragt alljährlich ExpertInnen über ihre Einschätzung der Zukunft der Demokratie. Im Jänner veröffentlichten sie diese als Arena-Analyse 2017 – Demokratie neu starten. Die wichtigsten Empfehlungen:

Transparenz: Das wirksamste Mittel gegen Misstrauen gegenüber Politikern lautet Transparenz. Die Experten sind sich einig, dass Transparenz in Zukunft eine größere Rolle spielen wird. Sie fordern insbesondere mehr Transparenz in der parlamentarischen Arbeit, sodass die Entscheidungsprozesse mitverfolgt und nachvollzogen werden können und vor allem auch Ausschüsse live im TV übertragen werden.

Neue Spielregeln für das Ausverhandeln grundlegender gesellschaftlicher Interessen(skonflikte). Ungeachtet ihrer Verdienste um den sozialen Ausgleich ist die österreichische Sozialpartnerschaft nicht mehr repräsentativ für die österreichische Bevölkerung. Die Aufgabe, wesentliche gesellschaftliche Gruppen wirksam zu vertreten, könnte auch der Zivilgesellschaft übertragen werden.

Europa retten: Die Aussichten für ein vereintes Europa sind heutzutage eher düster. Für Österreich ist jedoch aus geopolitischer sowie volkswirtschaftlicher Sicht ein Weiterbestehen und eine weitere Vertiefung der EU das deutlich günstigere Szenario. Daher fordern die Experten ein aktives Engagement für die Wiederbelebung des europäischen Gedankens, vor allem von Unternehmen und Organisationen, die von offenen Grenzen besonders profitieren.

Politische Bildung neu denken: Für jüngere Menschen stellt Demokratie nicht mehr automatisch einen Wert an sich dar. Daher ist die Vermittlung von demokratischen Grundbegriffen an österreichischen Schulen essentiel. Diese sollte idealer Weise mit mehr Praxisbezug und weniger als abstrakte Informationsvermittlung erfolgen.

Für Demokratie werben! Insgesamt ergeht die Empfehlung an alle Bürgerinnen und Bürger, an alle Organisationen, Institutionen und Unternehmen: „Wir werden mehr Werbung für das ,System Demokratie‘ brauchen. Wer glaubt, dass unser demokratisches System ein Perpetuum mobile ist, der irrt. Werbung für das System Demokratie wäre auch ein Thema, das alle DemokratInnen verbinden könnte. Es ist an der Zeit, dass wir Mühe investieren in die Beantwortung der Frage: Was verbindet uns in Österreich? Auch das wäre ein Mosaikstein für die Weiterentwicklung unserer Demokratie.“, so die Studienautoren.

Foto/Video: Shutterstock.

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Geschrieben von Veronika Janyrova

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